Es gibt TV-Momente, die brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein. Der 2. Februar 2003 ist so ein Moment. Gracia Baur, damals 20 Jahre alt, wird bei „Deutschland sucht den Superstar“ rausgewählt. Daniel Küblböck bricht weinend zusammen, das Studio wird abgesperrt, rote Bänder werden gezogen. „Das war sehr, sehr dramatisch“, erinnert sich Baur Jahrzehnte später. Dabei hatte sie gerade erst begonnen, die deutsche Musiklandschaft zu erobern – als Fünftplatzierte der ersten DSDS-Staffel, als Powerstimme mit Sexappeal, als Publikumsliebling, der die Herzen von Millionen Zuschauern gewann.
Mehr als zwanzig Jahre später ist von der damaligen Pop-Prinzessin kaum noch etwas übrig. Gracia Baur, heute 43 Jahre alt, hat sich radikal verwandelt. Sie arbeitet als Gesundheits- und Krankenpflegerin, hat sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen – und wagt nun doch ein Comeback, das anders nicht sein könnte. Unter dem Namen Chapter 7 macht sie gemeinsam mit ihrem langjährigen Lebensgefährten David Brandes düsteren, melancholischen Dark Rock. Es ist die Geschichte einer Frau, die zweimal bei Null anfangen musste.
Die frühen Jahre: Ein Name als Vermächtnis
Gracia Arabella Baur wurde am 18. November 1982 in München-Neuperlach geboren – nur wenige Wochen nach dem Tod von Fürstin Gracia Patricia von Monaco, besser bekannt als Grace Kelly. Die Eltern Roman und Rosemary Baur benannten ihre Tochter und deren Zwillingsschwester Patricia nach der verstorbenen Schauspielerin und Fürstin. Ein Name, der Verpflichtung und Glamour gleichermaßen in sich trägt.
Schon als Teenager war Baur zielstrebig. Sie nahm Gesangsunterricht, um ihre Stimme zu stärken, und begann, Demos aufzunehmen. 2000 versuchte sie ihr Glück bei der Castingshow „Popstars“ – und schied aus, weil sie den Text ihres Songs vergaß. Eine Niederlage, die sie nicht entmutigte. Zwei Jahre später stand sie erneut vor einer Casting-Jury – diesmal bei RTL.
Der DSDS-Hype: „Dreimal am Tag im Flugzeug“
Die erste Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ im Jahr 2002 war ein TV-Ereignis, wie es Deutschland bis dahin nicht gesehen hatte. Die Kandidaten wurden zu nationalen Stars, ihre Auftritte zu quotenträchtigen Ereignissen. Für Gracia Baur bedeutete die Show den Sprung in eine Welt, die keine Privatsphäre mehr kannte.
„Dieser ganze Hype, den hat ja so keiner erwartet“, erzählt sie in der Doku „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“. „Es war einfach so schnell, so viel. Wir waren teilweise dreimal am Tag in einem Flugzeug.“ An manchen Tagen musste sie sich selbst fragen: „In welcher Stadt bin ich denn jetzt eigentlich?“ Ein einfacher Gang zum Supermarkt war unmöglich. Kreischende Menschenmassen belagerten die Hotels.
Doch der Ruhm hatte auch eine dunkle Seite. Als Baur am 2. Februar 2003 ausschied, war der Schock groß – nicht nur bei ihr selbst, sondern vor allem bei ihrem engen Freund Daniel Küblböck. Die Szene, in der Küblböck untröstlich zusammenbrach und von Moderator Carsten Spengemann aufgefangen werden musste, ging durch die Medien. Baur erinnert sich: „Nicht nur er ist zusammengebrochen, sondern das ganze Studio wurde am Ende abgesperrt.“
Trotz des Ausscheidens nahm ihre Karriere Fahrt auf. 2003 veröffentlichte sie ihr Debütalbum „Intoxicated“, das auf Platz 10 der deutschen Albumcharts einstieg und über 50.000 Einheiten verkaufte. Die Singles „I Don’t Think So“ und „I Believe In Miracles“ wurden Hits. Gemeinsam mit anderen DSDS-Kandidaten nahm sie die Charity-Single „Don’t Close Your Eyes“ auf. Gracia war angekommen – vorerst.
Der ESC und der Skandal, der alles veränderte
2005 sollte der nächste große Schritt folgen: Gracia Baur vertrat Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kiew mit dem Song „Run & Hide“. Es war die Krönung einer steilen Karriere – bis ein Skandal alles überschattete.
Ihr damaliger Produzent und heutiger Lebenspartner David Brandes hatte gezielt große Mengen der CD gekauft, um die Chartplatzierung zu manipulieren, die für die ESC-Qualifikation erforderlich war. Der Betrug flog auf, die Single wurde aus den offiziellen Charts verbannt. Beim ESC selbst landete Gracia mit nur vier Punkten auf dem letzten Platz – von 24 Teilnehmern.
In einem Interview mit der WELT verteidigte sie Brandes damals vehement: „David Brandes hat niemandem mit den Käufen geschadet. Ich finde es o.k., absolut.“ Sie verglich die Praxis mit anderen Branchen: „Wenn Persil ein neues Produkt herausbringt, dann gehen die auch erst einmal kräftig einkaufen, damit das Produkt besser dasteht.“ Eine Argumentation, die sie später relativieren sollte. „Wenn man durch einen riesigen Medien-Kakao gegangen ist, wie ich vor 20 Jahren, dann versucht man gewisse Dinge danach anders, besser, neu zu machen“, sagt sie heute.
Der Rückzug: Ein neues Leben abseits des Rampenlichts
Nach dem ESC-Debakel und dem Chartskandal zog sich Gracia Baur fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Jahrelang war von der gebürtigen Münchnerin kaum etwas zu hören. Sie machte noch Musik – 2005 erschien das Album „Passion“, 2014 das Album „Magic Moments“ -, aber der große Erfolg blieb aus.
Stattdessen begann sie eine völlig neue Laufbahn. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin und arbeitet seit Jahren in diesem Beruf. In einem Interview mit der Badischen Zeitung sagte sie 2018: „Ich habe im Oktober mein Examen gemacht als Gesundheits- und Krankenpflegerin und bin momentan auf Jobsuche. Das heißt, ich habe jetzt erstmal vor, als Gesundheits- und Krankenpflegerin zu arbeiten und nebenbei weiterhin Musik zu machen.“
Es ist eine bemerkenswerte Wendung: Die Frau, die einst dreimal am Tag im Flugzeug saß und von kreischenden Fans verfolgt wurde, kümmert sich heute um kranke Menschen. Doch ganz losgelassen hat sie die Musik nie. „Ich werde immer Musik machen“, betonte sie bereits 2018.
Das Comeback: Chapter 7 und ein neues Kapitel
2026 ist Gracia Baur zurück – aber anders als je zuvor. Gemeinsam mit David Brandes, ihrem Partner seit rund 20 Jahren, hat sie das Musikprojekt Chapter 7 gegründet. Der Sound ist dunkel, melancholisch, rau. „Wir singen über Themen, die uns wirklich beschäftigen, und benennen sie beim Namen“, erklärt Gracia. „Wir schmücken die Themen nicht, damit sie nicht auffallen. Wir sind auch gerne unbequem. Wir sind rau.“
Das Album „Tränenmeer“ behandelt schwierige Themen: Sucht, Missbrauch, toxische Beziehungen. Es ist Musik, die nicht mehr nach Castingshow klingt, sondern nach jemandem, der etwas zu sagen hat. „Unser neues Album handelt von Themen aus dem realen Leben. Es geht um Abschied nehmen und Missbrauch. Es sind Themen, die sowohl Gracia als auch mich umtreiben“, sagt Brandes.
Der Erfolg gibt ihnen recht. Bereits mit drei veröffentlichten Singles erreichte Chapter 7 auf Spotify knapp 100.000 monatliche Hörer – ohne große Medienkampagne, fast ausschließlich durch Mundpropaganda. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass es gleich so lostuckert wie ein Düsenjet“, gesteht Brandes. Im September 2026 feierte das Duo sein TV-Comeback im „ZDF-Fernsehgarten“ – mit auffälliger Gesichtsbemalung, die an dunkle Rock-Ästhetik erinnert.
Für Gracia Baur schließt sich damit ein Kreis. Die Frau, die 2003 weinend das DSDS-Studio verließ und 2005 beim ESC scheiterte, steht wieder auf der Bühne. Aber sie ist nicht mehr die Gracia von damals. Sie ist eine, die weiß, wie sich ein Absturz anfühlt – und wie man wieder aufsteht.
Was macht Gracia Baur heute?
Gracia Baur lebt mit David Brandes in Weil am Rhein. Sie arbeitet weiterhin als Gesundheits- und Krankenpflegerin und macht parallel Musik mit Chapter 7. „Formate wie DSDS verfolgt Gracia Baur heute nicht mehr aktiv – nicht aus Bitterkeit, sondern aus einer klaren persönlichen Haltung: Der Voyeurismus sei ihr fremd“, heißt es in einem Bericht.
Ihre Geschichte ist die einer Frau, die zweimal neu anfangen musste – und beide Male ihren Weg gefunden hat. Erst als Popstar, dann als Krankenpflegerin, jetzt als Musikerin mit einem Projekt, das ihr gehört. Es ist kein Comeback im klassischen Sinne. Es ist ein neues Kapitel. Und das siebte Kapitel, so scheint es, ist ihr bisher ehrlichstes.
